[PRO]… im Hühnerstall Motorrad

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IguanaDon
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[PRO]… im Hühnerstall Motorrad

Beitragvon IguanaDon » 11. Apr 2016, 13:07

(c) ritch 2015

Mit dem Achtzehnten begann die Freiheit … und Verantwortung.
Als ich die Kerzen ausgeblasen hatte, nahm mich meine Oma beiseite, überreichte mir ein Tagebuch mit alten Fotos und einen Briefumschlag. Sie hieß Elisabeth, wir nannten sie Lieschen. Eine zierliche alte Dame, die zwei Ehemänner überlebt hatte und auf jene, wenn auch scherzhaft, nicht gut zu sprechen war. Sie kannte Märchen aus aller Welt und hatte immer lustige Anekdoten parat. Was sie in ihren Leben jedoch wirklich erlebt hatte, wussten nur wenige. Jene Geschichten, so sagte sie mir später im Vertrauen, wären für heutige Kinder noch nicht geeignet. Nun hielt ich sie in Form eines Tagebuchs in meiner Hand.
Der Briefumschlag enthielt ein Bündel alter D-Mark-Scheine – Ersparnisse eines ganzen Lebens, wenn man bedachte, dass Lieschen nur über eine kleine Sozialrente verfügte, von der sie wiederum im Altenheim nur ein Taschengeld ausgezahlt bekam. „Ich weiß, was du dir wünscht. Kaufe es dir, man ist nur einmal jung“, flüsterte sie mir zwinkernd zu, „ich bitte dich nur um einen kleinen Gefallen: Bringe mich heim … und zu niemandem ein Wort. Doch später, wenn du selbst mal Kinder hast, erzähle ihnen die ganze Wahrheit über eine Epoche, die dunkler als das Mittelalter war.“
Ich versprach es ihr und las in den folgenden Tagen das Buch mit Bildern aus einer anderen Zeit. Stationen eines langen Lebens, welches nur wenig Erfreuliches zu beinhalten schien.
Auf dem ersten Foto lugte Lieschen aus dem Kinderwagen, gesäumt von ihren stolzen Eltern. Freie Bauern aus einem pommerschen Dorf, dessen Name ich nicht aussprechen konnte. Sie wirkten steif in ihrer Haltung, da die Fotografen damals noch sagten, man solle sich nicht bewegen. Im Begleittext standen Omas frühste Kindheitserinnerungen an eine heile Welt: 'Vater war ein starker Mann und Mutter die schönste Frau von allen'. Es folgten weitere Fotos bis zur Einschulung. Dann fehlte eine Seite, die scheinbar herausgerissen war. Das nächste Bild zeigte den Vater mit Uniform und Pickelhaube und der Unterschrift: 'Es war das Letzte, was wir von ihm sahen – sinnlos geopfert im Stellungskrieg eines fernen Landes als Zinnsoldat auf dem Schachbrett eines wahnsinnigen Kaisers.' Fortan musste sie mit ihrer Mutter die Felder allein bestellen und die Kriegswitwenrente war ein Hohn – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Der Container stand am Kieler Zollhafen. Ein Beamter öffnete die Frachtplombe, überprüfte den Inhalt. Ein Drogenhund schnüffelte gelangweilt herum. Es gab nichts zu beanstanden, und wir gingen zur Kasse. Die Papiere der Fracht waren kyrillisch mit lieblos englischen Übersetzungen. Die Maschine hatte eine weite Reise hinter sich, per Bahn und Schiff, und erstrahlte fabrikneu. Es war mein Traum: Ein Ural-Gespann der Djepr-Fabrik. Ich schraubte die roten Nummernschilder an, goss verbleites Benzin in den Tank und trat den Anlasser mit Bedacht, da der Rückschlag einer falschen Kolbenstellung Beine junger Mädchen brechen konnte. Dieses Gerät besaß keine Hightech. Selbst die Blinker gehörten bereits zur Sonderausstattung für den Export. Es hatte eine gewisse spartanische Ähnlichkeit mit jenem Motorrad, mit meine Oma damals den Hof in Richtung Danzig verlassen hatte, um in der großen Stadt ihr Glück zu suchen. Die Maschine sprang an mit Geräusch und Abgaswerten weit entfernt deutscher TÜV-Bestimmungen. Es kümmerte meine roten Schilder für den Re-Import nicht weiter, und ich nahm die Bäderstraße entlang der Ostsee zum Altenwohnsitz meiner Großmutter.
Es hatte etwas Konspiratives, als ich ihr in ihrem Zimmer die Lederkluft überreichte. Ihr Koffer war bereits gepackt. Sie betrachtete sich mit Rocker-Outfit im Spiegel, grinste und sagte: „Das letzte Mal war ich so alt wie du.“ Wir schlichen uns aus dem Stift entlang der dösenden Nachtwache. Ich half Oma in den Beiwagen, umhüllte sie zusätzlich mit einer Decke gegen die Kühle der Nacht und setzte ihr den Helm mit Gegensprechanlage auf. „Fliegen wir nun zum Mond?“, scherzte sie. Sie war wahrlich eine Marke – ich wünschte, meine Kinder hätten sie noch kennengelernt, doch diese Reise, so befürchtete ich, würde dort enden, wo jede Reise endet. Als hätte sie meine Bedenken geahnt, tröstete sie mich: „Dieses Heim ist unerträglich. Nur alte Menschen, die jeden Tag das Selbe erzählen, weil sie vergessen haben, es gestern bereits getan zu haben. Sie wissen noch nicht, dass sie längst tot sind – aber ich lebe und muss sie ertragen. Die Pfleger reden mich in der dritten Person an. 'Wie geht es uns denn heute?', fragen sie. Wen meinen sie damit? Bin ich etwa ein kleines Kind? Das ist beleidigend und respektlos.“
Ich startete die Maschine und wir machten uns vom Acker über die Bäderstraße in Richtung Mecklenburg.
„Ich suche mir eine eigene Wohnung“, sprach ich ins Headset, „und dann ziehst du zu mir.“
„Ach Kind, du bist jung, und ich würde dir nur zur Last fallen.“
„Es würde mich belasten, dich weiterhin im Heim zu wissen. Ich liebe dich und entscheide es nun selbst, da ich erwachsen bin. Keine Widerrede.“
„Ich liebe dich auch ...“, flüsterte sie und schlief ein.
Wir fuhren über roten Asphalt, entlang menschenleerer Dörfer, der aufgehenden Sonne entgegen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichten wir die polnische Grenze, deren Schlagbaum längst geöffnet war. Oma goss sich einen Kaffee aus der Thermosflasche ein und sprang fit wie ein Turnschuh aus dem Beiwagen, blühte geradezu auf. Sie redete mit dem polnischen Zöllner in einer Sprache, die ich nicht verstand, und überreichte ihm den Kaffee. Sie scherzten, sie lachten. Sie zeigte auf mich. Der Beamte kam in meine Richtung. Ich nahm den Helm ab und kramte nach meinem Ausweis … doch er verbeugte sich, küsste meine Hand uns sagte: „Respekt.“ Dann wies er mit dem Arm in Richtung Osten und wünschte gute Weiterfahrt.
Ich war verwirrt. Was hatten die Beiden miteinander besprochen?

Es war ein kleines Dorf jenseits der russischen Grenze, das sich im Dornröschenschlaf zu befinden schien. Die Efeu-umwucherten Einwohner entsprachen dem Alter meiner Oma – und einige wenige erkannten sie wieder. Lieschen war glücklich heimgekehrt, und noch einmal tauschten sie ihre Erinnerungen aus.
Ich begrub meine Oma unter einem Baum ihres ehemaligen Hofes und setzte als Grabstein mein Ural-Gespann darauf, welches mit der Zeit ebenso verwitterte wie die letzten Zeugen. Doch ich war in der Lage, an deren Schicksale zu erinnern, wie auch meine Kinder und Kindeskinder dazu befähigt sein werden, sofern sie sich ernsthaft mit den Geschichten ihrer Vorfahren auseinander setzen.
Heute bin ich die Jüngste in jenem Dorf – und morgen hoffentlich nicht mehr, denn „auch du bist eine genetische Heldin“, sagte meine Oma, und ich darf sie diesbezüglich nicht enttäuschen.
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