[PRO] Atemlose Zeiten

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Thom
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[PRO] Atemlose Zeiten

Beitragvon Thom » 25. Mai 2016, 10:48

Atemlose Zeiten

aus "Die Gedanken des Friedwart Pies" (http://www.die-gedanken-des-friedwart-pies.de)


Keiner dachte es , jeder aber verkündete die Information, verbreitete sie weiter, man hatte zumindest davon gehört.
Ja, zur Weihnachtszeit 2012 solle die Welt untergehen. Ich möchte diese Zeilen zu Papier bringen, bevor ich vollkommen erdbehaftet, verbunden mit unserem Planeten bin.

Niemand glaubte wirklich daran, die etwas Informierteren beschwichtigten mit ihrer Meinung, zumindest, so hätte der ominöse Kalender der Olmeken vorhergesagt, würden sich die Zeiten ändern.
Die Vertreter dieser Auffassung sollten recht behalten. Die Außerirdischen kamen. Doch ganz anders als es sich in den Köpfen der Menschen über lange Zeit manifestierte.
Keine ETs , keine grünen Männchen. Nein, zur Gänze in anderer Form erschienen sie. Eine Art Virus manifestierte sich auf dem Planeten Terra. Später stellten Wissenschaftler fest, wohl durch die ungewöhnliche Stellung der Planeten der Plejaden in einer Reihe auf die Erde zu. Der Virus, das Bakterium fand seinen Weg von Stern zu Stern, Himmelskörper zu Himmelskörper, geradewegs auf die Erde zu. Die Bedrohung als eine Art Wolke im Universum zu bezeichnen, käme der Wirklichkeit wohl am nächsten.

Um die Art der Wirkung zu benennen, wäre der Vergleich mit radioaktivem Niederschlag durchaus passend.
Denn das Bakterium schwebte in den ersten Wochen seiner Anwesenheit in der Luft, setzte sich später auf allen, wirklich allen, Oberflächen fest.
Es bestand, wie die Wissenschaft relativ schnell herausfand, die Möglichkeit, befallene Gegenstände, Örtlichkeiten, Dinge mit wenig toxischen Mitteln zu desinfizieren. Auf der Erde begann darum eine Art „Großreinemachen“.
Die ersten Wochen, die Wolke schwebte noch in der Atmosphäre, konnte man sich auch durch das Einatmen des Virus infizieren, die schlimmste Zeit.

Niemand getraute sich mehr, den Nächsten anzufassen, öffentliche Plätze mieden die Menschen nach Möglichkeit.
Das gegenseitige Misstrauen fand einen traurigen Höhepunkt.
Vollkommen egal, ob Supermärkte oder Wirtshäuser, U-Bahnen oder Konzerthallen – sie blieben leer, verwaist. Jeder, ob groß oder klein, lief mit Gasmaske oder einer Art Atemschutz durch die Gegend, so sich überhaupt jemand traute, ins Freie zu gehen.
Die Infektion mit dem Bakterium verlief äußerst schleichend, zu Beginn der Invasion wiegelten die Behörden beruhigend ab, eine Ansteckung mit dem Erreger aus dem Weltall wäre nicht weiter dramatisch. Dann aber stellte sich heraus, lediglich die Inkubationszeit dauerte länger. Diejenigen, die sich ansteckten, zeigten zunächst eine seltsame Art Ausschlag, gleich einem Sonnenbrand, doch hellgrün, später ein dunkles Grün, ganz in der Art, wie wir es bei jungen Pflänzlein beobachten. das bisherige Leben eines Befallenen fand mit dieser Erscheinung ein baldiges ende. Die Menschen starben nicht – sie verwandelten sich in Bäume.

Je heftiger die Infektion fortschritt – ein Weilchen, bis sich die Angelegenheit manifestierte - tatsächlich dem Wachstum einer Pflanze, etwa einer jungen Fichte entsprechend, desto furchtbarer. Dann schlugen die Menschen, wenn sie sich etwas länger an einem Ort aufhielten – still standen – im wahrsten Sinne des Wortes Wurzeln. So fand man bald überall Personen, die mit dem Boden, auch dem Asphalt – irgendeiner Oberfläche verhaftet waren. Die allermeisten jedoch wuchsen auf ihren Matratzen, in ihren Betten fest.
Die einzige Möglichkeit, die ein einmal Infizierter besaß, schien, ständig in Bewegung zu bleiben, um so nur ja nicht zu verwurzeln. Die Versuche, jemanden, dessen Körper sich einmal mit einer Oberfläche verwachsen zeigte, zu lösen, ihn quasi gleich einer Blume zu pflücken, erwiesen sich als vollkommen zwecklos. Die, führte durch stark blutende (erst rot, in fortgeschrittenem Stadium weiß-gelblich) Wunden zum baldigen Tod. Konnten die Opfer der Verwachsung am Anfang noch kommunizieren, schreien, um Hilfe rufen, verstummten sie nach ein bis zwei Tagen vollkommen. Ihr Körper wandelte sich zur Pflanze, zum Baum. Zu Bewuchs. Ein bis zwei Jahre nach dem Angriff besaß die Erde nur noch tatsächlich grüne Städte. Das Geheule, das Jammern, Wimmern der Betroffenen zerrte zu Beginn in unheimlicher Weise an den Nerven.

Die einzige Freude, die man den Kranken, den Bekannten, Freunden, die man in der Fußgängerzone, in ihrer Stammkneipe, in einem U-Bahnhof oder einer Fußgängerzone fand, bereitete, bestand darin, sie zu gießen, sich (aber nur in den ersten Tagen möglich) mit Ihnen zu unterhalten, Trost zu spenden.
Mit immer raffinierten Methoden versuchte die Weltbevölkerung eine Ansteckung zu verhindern, beziehungsweise, bereits befallen, um eine Verwurzelung zu verhindern, ständig in Bewegung zu bleiben. Diese Tatsache glich den beruhigenden Hintergrund der Masse der Festgewachsenen komplett aus. Eine seltsame Ambivalenz. Auf der einen Seite entwickelte sich das Leben durch die Massen an jungen Bäumen, in die sich die Menschen verwandelten, wesentlich ruhiger, auf der anderen Seite verbreiteten die Überlebenden umso mehr Hektik. Zahlreiche Apparaturen, die ein Anwachsen im Schlaf verhindern sollten, fanden ihren Weg auf den Markt. Spezielle Wecker, welche die Menschen in Viertelstündlichem oder noch schnelleren Takt aus dem Schlaf rissen, mechanisch wendeten oder aber den Kontakt zu irgendeiner Oberfläche gänzlich verhindern sollten, fand man im Angebot. Doch die Kranken, beziehungsweise das Bakterium, die Pflanze, in die sie sich langsam verwandelten, probierte nahezu verzweifelt Wurzel zu schlagen. fand sie einmal eine Fläche – wenn nur das Geflecht einer Hängematte – war es unmöglich, die jeweilige Person davon zu trennen.
So konnte man bald Menschen beobachten, die mit ihrer Matratze oder auch Bettdecke an der Backe, mit Bügeleisen, Kopfkissen, Fetzen von Mänteln, Regenschirmen bei schönsten Sonnenschein oder gar einem Möbelstück oder Teilen von Bettgestellen am Körper verwachsen, durch die Straßen liefen. Faszinierende Anblicke.

Diejenigen, die das Virus verschont, zeigten sich stets bis zur Unkenntlichkeit vermummt, mit Mützen, Atemschutz, Handschuhen, allen anderen möglichen Kleidungsstücken ausgerüstet. Deren Zahl jedoch wurde immer geringer.

So gelang es auch mir nicht, mich weiterhin vor einer Ansteckung zu schützen. Ich infizierte mich.
Seit gestern nun trage ich eine Computertastatur auf der Stirn, bin auf meinem Arbeitssessel verwurzelt, denn ich bin vor meinem PC eingeschlafen.
Mithilfe einer Ersatztastatur, die es mir noch anzuschließen gelang, schreibe ich Ihnen diese wohl letzten Sätze. Gerade eben noch sah ich ein Weltraumbild der Erde. Aus dem blauen Planeten ist ein grüner geworden.

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