[PRO] "Die Gedanken des Friedwart Pies"

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Thom
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[PRO] "Die Gedanken des Friedwart Pies"

Beitragvon Thom » 11. Apr 2016, 09:47

Hier eine der Stories aus dem Buch des ProLyKu-Autors Thom Delißen:

An der Heimatfront


Dr. Regina Schulls lehnte sich, so bequem es eben ging, zurück in dem Sitz, den ihr die freundliche, braun-häutige Stewardess zugewiesen hatte.
Sie trank einen Schluck von dem Champagner.
Wirklich ein glücklicher Zufall, - sie konnte mit einer Luftwaffenmaschine der Bundesregierung zurück nach Deutschland fliegen. Sehr komfortabel, keine Kontrollen, kein Gedränge, keine Wartezeiten.
Ihr Beruf als Anthropologin bereitete ihr großen Spaß, auch die damit verbundenen Auslandsaufent-halte hatte sie immer als angenehm empfunden. Sie stellte eigentlich keine großen Ansprüche an das Dasein, lebte für ihre Wissenschaft.
Seit sie jedoch vor zwei Jahren den kleinen Kikuju-jungen, den sie Jonas nannte, in Nairobi kennen und lieben gelernt hatte, ihn in einem Überschwang der Gefühle adoptierte, begann sie zu erfahren, was Mutterliebe bedeutet. Wie sehr sie sich danach sehnte, den kleinen Burschen zu umarmen!
Sie atmete tief durch.
Nun war sie auf dem Heimweg.
Der Aufenthalt an der Ausgrabungsstelle in der Nähe einer uralten Königsstadt im Bamijan – Tal in Afghanistan war unumgänglich gewesen. Doch die drei Wochen Trennung von Jonas waren ihr wie Jahre erschienen.
Gedankenverloren streichelte sie über das Fell des kleinen Teddybären, dessen pelziger Kopf aus dem grünen Leinenrucksack neben ihr ragte. Das Fell war echt, wahrscheinlich hatte ein Schakal seine Haut lassen müssen. Sie hatte das Spielzeugtier in einer Bazarstraße in Kabul gefunden. Verwunderlich genug, dort einen Teddybären zu finden. Fasziniert von den grün schimmernden, lebensechten Augen hatte sie die Puppe für eine Handvoll Münzen erstanden.
Nun sollte er ein kleines Geschenk für Jonas sein.

Der kleine Bär war zufrieden mit sich und der Welt.
Seit die blonde Dame ihn dem Kaufmann Ibn al Sadim abgekauft hatte, war die todesangsterfüllte, triste Vergangen-heit für ihn vergessen. Sie hatte ihn gestreichelt, hatte vorsichtig mit lauwarmen Wasser den Schmutz aus seinem Fell entfernt, eine aufgerissene Naht am Ohr genäht, seine Kristallaugen poliert.
Vorbei der Schmutz und Lärm, der Gestank des Bazars.
Vorbei auch all das, was vorher gewesen war.
Nun roch es nach Parfum und frischer Wäsche.
Wo würde dieser große Vogel, in dem sie sich befanden, sein Ziel finden?
Der kleine Bär wusste, er würde in einer anderen Welt den Sohn der Doktorin treffen. Davon und von vielem mehr, hatte sie ihm in langen Nächten erzählt.
Immer hatte er aufmerksam zugehört.
Jonas, der vierjährige Kikujujunge, vereinnahmte das Spieltier auf der Stelle, er war nicht mehr von ihm zu trennen.
Das Kind hatte den Umzug in die europäische Kultur unbeschadet überstanden.
Die Tatsache, dass Dr. Schulls unverheiratet und alleinerziehend war, der Knabe schwarzer Hautfarbe, hatte nur wenigen Menschen Schwierigkeiten bereitet.
Die kleinen Sticheleien und Anfeindungen waren bisher zu ertragen gewesen.
Doch seit der Amoklauf eines farbigen Arbeitslosen in Berlin den Beginn eines neuen, offensiven Farbi-genhasses gekennzeichnet hatte, war die Stimmung umgeschlagen, so glaubte sie zu spüren. Ab und an vermeinte sie Worte wie „Niggerschlampe“ oder „schwarzes Balg“, „farbiger Bastard“ gezischt zu hören. Sie wurde von nahezu niemanden mehr gegrüßt.

Der kleine Bär fühlte sich wie ein König.
Mit seinem neuen Besitzer war er vollkommen ein-verstanden. Geduldig ertrug er all die Herumschlepperei, wusste er doch um die bedingungslose Liebe des Jungen. Er genoss die ruhigen Nächte in seinen Armen, spendete Trost und so manche Krokodilsträne netzte sein Fell. Was konnte es Schöneres geben, als Frieden und von jemanden geliebt zu werden?
Doch auch er fühlte, dass sich etwas verändert hatte, in der Umgebung.
Er meinte, die bösen Gedanken der Menschen zu riechen.
Die dunkelgrauen Albträume, die ihn so lange nicht behelligt hatten, kehrten zurück.
Sie machten ihm eine Angst, die er von früher kannte.

Die Situation eskalierte an dem Tag, als Dr. Regina Schulls Jonas im Kindergarten anmeldete.
Die bebrillte, gut genährte Leiterin, die auf den ersten Blick eigentlich sympathisch gewirkt hatte, wür-digte Jonas und dem Spieltier keines Blickes, sah die Anthropologin kühl und abfällig an und sagte:
„Sie möchten also diesen farbigen Jungen tat-sächlich zur Gruppe anmelden. Sind Sie sicher?“
Regina Schulls nickte, blieb stumm. Sie war aschfahl geworden.

Der kleine Bär meinte die Feindseligkeit, die Antipathie einatmen zu können.
Diese Frau mit der Brille da war - er suchte den richtigen Begriff, der tief ins Vergessen gerutscht war - „der Feind“.
Er spürte es. Und wäre er in der Lage dazu gewesen, hätte er die pelzigen Pranken geballt.
Der Junge hatte nichts von dem, was zwischen den beiden Erwachsenen vorging, verstanden, trotzdem war da Un-wohlsein. Seine schmalen Finger krampften sich um den kleinen Bären. Auch der fürchtete sich nun, die grauschwarzen Albdrücke schienen zu unheilvollen Gigan-ten zu werden.
Er fühlte Hass und er wollte ihn erwidern. Eine seltsame Situation. Doch er beherrschte sich, blieb ruhig und stumm, anstatt dieser Matrone in das Gesicht zu schreien:
„Ihr seid alle Geschöpfe der Mutter Erde! Wie könnt ihr euch nur gegenseitig solche Schmerzen zufügen?“

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, führte die füllige Frau Dr. Schulls und Jonas in den Tagesraum. Mit Tränen in den Augen verabschiedete Renate Schulls sich von dem Jungen.
„Schau nur, so viele Kinder! Alle spielen! Mach doch mit! Ich hole dich heute Nachmittag wieder ab, mein kleiner Schatz!“ Sie umarmte ihn fest und strich auch dem kleinen Bären über den Kopf, bevor sie der Kindergartenleiterin zum Ausgang folgte.

Zuerst sahen sie ihn alle nur neugierig an.
Jonas saß nun, schüchtern und ruhig, mit einem Plastiklaster in einer Ecke, nachdem die Aufsicht ihn mit kritischem Blick gemustert, sich schließlich zu einer Grimasse des Lächelns gezwungen und ihn begrüßt hatte.
Er schob den Laster vor sich hin und her. Auf der Ladefläche saß der kleine Bär.
Eine kleine Gruppe der Kinder, versammelte sich um ihn.
„Du bist ja schwarz.“
„Kommst aussm Ofen.“
„Was willste denn hier?“
„Haste nen Niggerpapa?“
Einer stieß den kleinen Bären mit dem Fuß von dem Laster.
„Wassn das fürn Fetzen?“
Erschrocken schrie Jonas auf, griff nach dem Spielzeug, um es an die Brust zu ziehen..
Doch der Junge war genauso schnell.
Nun hielten beide einen Arm des Bären, keiner gewillt loszulassen.
„Gib her, du Nigger!“
Die anderen im Kreis, auch ein hellhäutiger Türke und eine kleine Vietnamesin dabei, griffen das Wort auf und skandierten im Chor:
„Nigger!“
„Nigger!“
„Nigger!“
Verzweifelt hielt Jonas den kleinen Bären fest.

Der kleine Bär hatte die Tränen in den Augen der schönen blonden Dame gesehen, als sie sich von ihrem Sohn ver-abschiedet hatte.
Nun war er allein mit Jonas.
Hier.
Und er hatte furchtbare Angst. Die dunklen Schemen füllten seinen Kopf und sein Denken.
Es war lustig hier auf dem Laster, doch da waren diese anderen kleinen Menschen.
Wellen schienen von ihnen auszugehen.
Hohn.
Abgrenzung.
Als der Fuß des Jungen ihn dann von der Ladefläche stieß, verspürte auch er den Hass.
Tiefen, eingeimpften Hass einer unfähigen, zur Abgren-zung erzogenen Gesellschaft.
Noch nicht als Jonas und der andere Junge beide am ihm zerrten, doch als die Kinder
„Nigger!“
„Nigger!“
„Nigger!“
johlten, zerbrach etwas im Inneren des kleinen Bären.

Die Explosion tötete Jonas und den Jungen.
Die Kinder, die am nächsten standen, wurden durch Nägel, die sich in dem Sprengsatz befanden, schwer verletzt.
Die Aufsichtsperson, die herangetreten war, um den Streit zu schlichten, verlor das Augenlicht.

Jonas Mutter verunglückte ein Jahr später bei einer ihrer Ausgrabungen in Afghanistan tödlich.

http://www.peaceway.info
Zuletzt geändert von Thom am 19. Mai 2016, 15:37, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: "Die Gedanken des Friedwart Pies"

Beitragvon IguanaDon » 11. Apr 2016, 11:20

Vielen Dank für Deinen öffentlichen Beitrag, lieber Thom
Doch beachte bitte das Regelwerk viewtopic.php?f=4&t=2 als Pflichtlektüre für öffentliche Beiträge im Leseprobe-Forum:
1. Füge Deiner Überschrift in diesem Fall bitte ein "[PRO]" voran.
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LG
ritch


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