[PRO] Auszug aus "Ein Mann wie Papa" - Roman Elsa Rieger

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ELsa
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[PRO] Auszug aus "Ein Mann wie Papa" - Roman Elsa Rieger

Beitragvon ELsa » 18. Apr 2016, 22:25

Elsa Rieger
Ein Mann wie Papa
Reggae, Love & Drugs
Roman

1. Kapitel
Bis ans Ende der Welt


»Auf dich, Marie. Prost!«, sage ich zu mir. Aber der Spiegel hinter der Theke lässt sich nicht einmal mit meinem schönsten Lächeln bestechen. Trotz Dämmerlicht sehe ich kein Jahr jünger aus. Wenigstens strahlt mein Blond wie ein Heiligenschein. Und?
Ich warte und warte auf meine Verabredung, die nicht kommt. Paul ist schon eine halbe Stunde überfällig. Da muss man ja auf komische Ideen kommen, bestimmt hat er mich vergessen.
Plötzlich stößt mich jemand gegen den Ellenbogen. Ein Typ wie aus einem schlechten Film. Zudem trägt er einen Lodenjanker! Er ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich.
»Cheerio«, sagt er mit feucht glänzenden Augen und hebt das Glas.
»Prost«, erwidere ich trocken. Unglaublich, jetzt stiert er mir ins Dekolleté.
»Ganz zauberhaft, Gnädigste!«
Marie, denke ich, sei doch nicht so hochmütig, einen guten Geschmack hat er ja. Das Kompliment wirkt. Wie auf Wolken schwebe ich zur Toilette.
Dort entblößt aber die grelle Beleuchtung das ganze Ausmaß meiner siebenundvierzig. Zum Trotz ziehe ich die Lippen nach, knallrot. Das ist seit Ewigkeiten meine Farbe. Eben. Ist ihre Zeit gekommen? Vielleicht besser altrosa? Ach was! Diese dummen Gedanken kommen nur, weil ich hier herumstehe wie bestellt und nicht abgeholt.
Der Landedelmann hat auf mich gewartet. Entflammt fragt er: »Werden wir heute noch etwas unternehmen, Gnädigste?«
Ich schaue auf die Uhr, es wird langsam ungemütlich.
Als er nach meiner Hand greift, habe ich endlich genug und rufe »zahlen«. Sieht man es mir so deutlich an, dass ich versetzt worden bin? Ich stürze hinaus.
Da steht er vor mir, der Mann meiner Träume. Paul.
»Ich wollte gerade gehen«, sage ich.
»Aha«, antwortet er und macht auf dem Absatz kehrt. Er ist sich wohl zu schade, nicht einmal eine billige Ausrede bekomme ich zu hören, kein Wort der Entschuldigung, stattdessen läuft er voraus. Ich stöckle hinterher, so schnell ich auf dem Kopfsteinpflaster vorwärtskomme. Dabei summe ich vor mich hin. Das mache ich, wenn ich überfordert bin. Mein Sohn Max pflegt in solchen Fällen zu sagen: »Cool down, Mama.«
Am Parkplatz angekommen, hält Paul mir die Tür seines knallroten VW-Käfers auf und wartet, bis ich mich auf dem Sitz eingerichtet habe. Das entschädigt mich etwas. An der nächsten Kreuzung trifft mich sein Blick.
»Wohin fahren wir eigentlich?«
»Ans Ende der Welt«, antwortet er, als es grün wird. Sehnsüchtig lehne ich mich zurück und gedenke der tapferen Ritter, die sich am Ende der Welt mit den Ungeheuern herumschlagen.
Plötzlich reißt Paul das Lenkrad herum.
»Warum konnten wir uns nicht bei Carlo treffen? Warum jagst du mich durch die halbe Stadt?«
Bumm! Die Realität hat mich wieder. Allein die Suche nach einem Parkplatz hat meinen Helden besiegt. Mir wird bang. Ob er überhaupt aushält, was ich mit ihm noch vorhabe? Er hat ja keine Ahnung. Unsere neugierige Clique kann ich jedenfalls dabei nicht brauchen. Ich muss mit Paul alleine sein. Schließlich bin ich in ihn verliebt. So lakonisch wie möglich antworte ich: »Wollte halt mal was anderes sehen.« Es ist nicht der richtige Moment für ein Geständnis.
Da, endlich eine Lücke und direkt vor der Kneipe.
»Hier ging ich früher ein und aus«, sagt er heldenhaft.
»Aha.«

Das »Ende der Welt« macht seinem Namen wirklich alle Ehre. Die heraustorkelnden Gäste sehen jedenfalls danach aus. Wir schieben uns hinein. Hier drinnen brauche ich mir keine Zigarette anzuzünden, einatmen genügt.
Über der Theke baumelt ein Motorradreifen. Durch den Raum dröhnt Metallica aus den Boxen, mitten in meinen Leib hinein. Wahnsinn!
Nur die Augenklappe der Barmaid ist für meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen.
»Ist echt«, sagt Paul grinsend. Er hat mich beobachtet und bestellt kopfschüttelnd Bitter Lemon. Ich bleibe beim Wein. Ein Zweimeter-Mann, ganz in Leder, boxt ihm auf die Schulter.
»Und, wie haben wir’s, Flieger?«, brüllt er.
Was bedeutet das?
»Wer auf dem Hinterrad mit hochgezogenem Lenker fahren kann, ist ein Flieger. Große Auszeichnung bei uns«, erklärt Paul bereitwillig, als könne er Gedanken lesen.
Dazu fällt mir wieder nur »Wahnsinn« ein. Aber das Kichern ist mir vergangen, ich fühle mich seltsam in der Rockergemeinde. Stattdessen huste ich, tatsächlich kratzt es in meiner Kehle. Paul schlägt mir auf den Rücken.
»Lange her«, murmelnd setzt er zu einem tiefen Schluck an.
Er hat nie erwähnt, dass er Harleyrider war.
Als ihm der nächste Ledernacken die Faust ins Kreuz schlägt, untermalt mit: »Servas Champ«, und mein Paul prustend antwortet: »How do you do with the Gummischuh«, bestelle ich Tequila. Den kann ich doch nicht meinem Sohn vorstellen! Allein der Gedanke daran verschafft mir eine Schwitzattacke. Max würde sich schieflachen. Nie und nimmer!
Schon werden wir wieder gestört. Andere sonderbare Gestalten kommen vorbei, um Paul zu begrüßen. Er wird gedrückt und lauthals auf den neuesten Stand gebracht. Meine Ohren pfeifen. Es ist zwecklos, dass ich mich einbringe. Außerdem weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Aber langsam habe ich genug. Plötzlich gibt Paul das Zeichen zum Aufbruch. Er zwinkert mir zu und wir verabschieden uns von der Harley-Jenny.

»Wohin jetzt?« Überwältigt von so viel frischer Luft breche ich in einen Hustenanfall aus.
Paul hält mich fest und knabbert an meinem Ohr.
»Zu dir«, sagt er heiser.
So nah war ich ihm noch nie. Durch den Zigarettengeruch erheische ich einen Anflug von Brut. Nicht zu fassen. Das war Papas Rasierwasser, er roch nach Brut und Seife. Paul erinnert mich daran, wie sehr er mir immer noch fehlt. Um sein Leben zu verlängern, hätte mein Vater auf Alkohol verzichten müssen. Kurz bevor er starb, sagte er, »ohne Bier und Schnaps? Was bringt dann ein weiteres Jahr?«
Er war nicht nur Trinker, er war auch Charmeur und ein verdammt guter Regisseur. Nach seinem Tod sind mir genug Kerle begegnet, die trinken, aber keiner kam an Papa heran.

Sobald Paul in meinem Wohnzimmer steht, sagt er: »Ich kann nicht lange bleiben.«
Auf diesen Schreck hin schleudere ich meine Hochhackigen, die ich in Aussicht auf Kommendes bereits ausgezogen habe, unters Sofa und sause in die Küche, um Wein zu holen und Wasser für ihn.
Paul steht immer noch an derselben Stelle.
»Setz dich doch«, sage ich, endlich sind wir mal alleine, wenn wir Max nicht wecken, und lege die DOORS auf, drehe aber so leise, dass von der Elektrogitarre nur noch ein Zirpen zu vernehmen ist.
Ich lächle in Pauls Gesicht, er sieht auf einmal müde aus. Hoffentlich liegt das nicht an mir. Schnell gieße ich die Gläser voll und setze mich neben ihn aufs Sofa. Er sagt immer noch nichts.
Ich proste ihm zu.
»Magst du die DOORS auch so gerne?«
»Ja, die mag ich auch.« Dann verstummt er wieder.
»Alles okay?«
»Ich geh dann mal«, sagt Paul.
Ich hüstle, beinahe hätte ich mich verschluckt.
»Trink wenigstens aus.«
»Bitte, Marie.«
Ich lache leider schrill statt betörend, und Paul erhebt sich. Mein Seufzer begleitet ihn zur Tür. Er dreht sich um.
»Wir holen es nach, okay?« Dann streicht er sich mit dem Ringfinger über die Stirn.

Außer Papa beherrschte keiner diese Geste. Ich kann nicht anders, ich schmachte Paul an. Offensichtlich wird ihm angst und bang. Er pustet mir einen Kuss zu und weg ist er. Ohne ein Wort darüber, wann wir uns wiedersehen. Ich renne ihm nach, lehne mich übers Geländer.
»Bei Carlo«, rufe ich ins Stiegenhaus.
Die Platte ist zu Ende. Ich drücke mich ins Sofa, summe. Vielleicht hätte ich meine Schuhe nicht ausziehen sollen? Wird schon noch.
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IguanaDon
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Re: [PRO] Auszug aus "Ein Mann wie Papa" - Roman Elsa Rieger

Beitragvon IguanaDon » 18. Apr 2016, 22:42

Ich besitze das Buch - ich liebe das Buch. Mehr kann und muss ich an dieser Stelle nicht sagen ... außer: Es sollte verfilmt werden, denn dann sehe ich den Film und liebe den Film [auf ARTE?].

LG
ritch

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ELsa
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Re: [PRO] Auszug aus "Ein Mann wie Papa" - Roman Elsa Rieger

Beitragvon ELsa » 19. Apr 2016, 18:48

IguanaDon hat geschrieben:Ich besitze das Buch - ich liebe das Buch. Mehr kann und muss ich an dieser Stelle nicht sagen ... außer: Es sollte verfilmt werden, denn dann sehe ich den Film und liebe den Film [auf ARTE?].

LG
ritch


Danke schön!
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